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MONOGRAPHIEN
AUFSÄTZE UND BEITRÄGE ZU SAMMELWERKEN
FORSCHUNGSSCHWERPUNKT: (FREI-EVANGELISCHE) PASTORALTHEOLOGIE
Aus der kirchentheoretischen Beschäftigung mit Freien evangelischen Gemeinden ergeben sich auch pastoraltheologische Forschungsfragen. Pastorinnen und Pastoren begegnen in Freien evangelischen Gemeinden in doppelter Weise besonderen Anforderungen an ihre Person. Zum einen erwachsen diese Ansprüche aus einer spätmodernen Gesellschaft, in der Institutionen und formale Organisationen im Wettbewerb um die umkämpfte Aufmerksamkeit der Individuen in den Hintergrund rücken, während das Besondere und damit auch besondere bzw. authentische Einzelpersonen in den Vordergrund geraten und an Einfluss und Relevanz gewinnen. Die in der Pastoraltheologie klassisch verhandelte Spannung zwischen Amt und Person erhält durch diesen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust des institutionellen Amtes und dem Relevanzgewinn authentischer Persönlichkeiten die erneute Aufgabe einer Verhältnisbestimmung beider Größen. Zum anderen fordern die gruppenförmige Kirchenstruktur und die mit ihr korrespondierende, traditionelle Wertschätzung „geistlicher Persönlichkeiten“ in Freien evangelischen Gemeinden bei gleichzeitig flachem pastoralen Rollenprofil die Pastoren und Pastorinnen ganz besonders in ihrer Person.
Der Schwerpunkt auf der Persönlichkeitsbildung im Curriculum der Theologischen Hochschule Ewersbach kann bereits als Kompensationsmechanismus dieser besonderen Anforderung verstanden werden und verlangt dennoch nach einer weitergehenden pastoraltheologischen Klärung der Bilder des pastoralen Berufes im doppelten Bezug auf den Kontext Freier evangelischer Gemeinden und den Kontext der Spätmoderne. Dabei wäre unter anderem zu klären, ob und wie unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen das Amt in seiner institutionellen Dimension als Entlastung der Person des Pastors bzw. der Pastorin gestärkt werden kann, ohne damit auf Kosten der gesellschaftlichen Relevanz zu gehen. Um eine empirische Rückkoppelung und Befruchtung dieser Überlegungen zu gewährleisten, sind sowohl quantitative als auch qualitative Erhebungen bei Pastorinnen und Pastoren des Bundes Freier evangelischer Gemeinden anzustreben.
Habilitationsprojekt: Figurationen von Ehrenamt in Gemeinde. Konstellationen, Aushandlung und Inszenierung des Verhältnisses von Haupt- und Ehrenamt im Kontext von Pfarrstellenwechsel in drei protestantischen Kirchen
(Projektdauer: 2022–offen)
Der pastoraltheologische Diskurs der Gegenwart beschreibt zahlreiche Transformationen im Blick auf Gesellschaft, Kirchen und Gemeinden und bringt diese ins Gespräch mit dem pastoralen Beruf und seinen Rollenträgern als Personen. Ob dieser vielen Transformationen und der daraus resultierenden Unübersichtlichkeit und Ungleichzeitigkeiten, fällt es der Pastoraltheologie zunehmend schwer große Linien und Leitbilder zu zeichnen und auf diese Weise eine deutliche Komplexitätsreduktion zu erreichen.
In diesem Habilitationsprojekt, das an der Georg-August-Universität Göttingen bei Prof. Dr. Jan Hermelink angegliedert ist, wird dieser bisherige Weg großer Linien und Leitbilder bewusst aufgegeben und die Komplexität des pastoralen Berufes als jeweils dezentral, also am ganz spezifischen Ort des Dienstes, zu bearbeitende und auszuhandelnde Aufgabe verstanden. Das impliziert zweierlei: zum einen wird die Pastoraltheologie damit radikal kontextualisiert, also in ihrer Wechselwirkung nicht nur zu bestimmten kirchlichen Kontexten (Ordnungen, Kirchenebene, etc…) sondern auch zur ganz konkreten Gemeinde vor Ort bedacht und zweitens eben als Aushandlung zwischen ganz konkreten Personen am Ort des Dienstes verstanden. Letzteres beinhaltet nicht nur die Frage nach dem Berufsprofil einzelner Pastorinnen und Pastoren, sondern auch die Frage nach dem Verhältnis von Amt und Ehrenamt oder auch unterschiedlicher Generationen und Milieus. Von all diesen Faktoren ist anzunehmen, dass sie erhebliche Auswirkung für die pastoraltheologische Aushandlung am Ort haben.
Als empirischer Ansatzpunk sollen dabei Stellenwechselprozesse von Pastorinnen und Pastoren in Gemeinden in den Blick genommen werden. Sie sind zum einen bisher in der gesamten Pastoraltheologie so gut wie gar nicht erforscht (lediglich der Abschluss eines solchen ersten Prozesses, die Ordination, findet bisher Berücksichtigung) und zum anderen können Stellenwechselprozesse als besonders verdichtete und darin bedeutsame pastoraltheologische Stücke verstanden werden, in denen auf unterschiedlichen Bühnen (von einer schriftlichen Stellenausschreibung über die Vorstellungspredigt bis zur Ordination) Aushandlungen zwischen unterschiedlichen Akteuren und organisationalen Ebenen vonstattengehen und wirkungsvoll aufgeführt werden, also etwa zwischen Ehrenamtlichen und Berufsträgern, zwischen unterschiedlichen kirchlichen Ebenen, zwischen unterschiedlichen Interessengruppen vor Ort sowie zwischen möglichen Pastorin/Pastor und der Gemeinde mit ihrem jeweiligen Milieu- und Altersgepräge.
Zum Zweck des interkonfessionellen Vergleichs sollen Berufungsprozesse als derartige pastoraltheologische Stücke in zwei unterschiedlichen Sozialgestalten des protestantischen Glaubens in der Gegenwart untersucht werden, im Bereich der evangelischen Landeskirche sowie dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden. Damit verfolgt das Forschungsprojekt insgesamt die Fragestellung: Wie wird in zwei unterschiedlichen Sozialformen protestantischen Glaubens die Berufung einer Pfarrperson vor Ort insbesondere im Blick auf das darin implizierte Verhältnis zum Ehrenamt ausgehandelt und inszeniert?
Forschungsprojekt: Befragung von Pastorinnen und Pastoren im Bund Freier evangelischer Gemeinden
(Projektdauer: 2023–2026)
Während in zahlreichen (Frei-)Kirchen bereits empirisch-quantitative Daten zum Selbstverständnis der Pfarrpersonen aus zahlreichen Befragungen zur Verfügung stehen, fehlen für eine empirisch gesättigte Pastoraltheologie solche Zahlen im Bereich Freier evangelischer Gemeinden nach wie vor. Da inzwischen ein Interesse an solchen Daten auch unter den Pastorinnen und Pastoren des BFeG besteht, wurde mit der Unterstützung der Bundesvertrauenspastoren eine entsprechende Erhebung im Herbst 2024 durchgeführt. Dementsprechend ist es das Ziel dieses Forschungsprojektes erstmalig quantitative Zahlen zum Selbstverständnis frei-evangelischer Pastorinnen und Pastoren zu erheben und dabei die ganze Bandbreite eben jenes Selbstverständnisses abzufragen: Von leitenden Bildern für den pastoralen Beruf, über berufliche Vorlieben bis hin zu Gehaltsvorstellungen und Veränderungswünschen.
Beim Design der Befragung wurden zum einen die beiden qualitativen Erhebungen zu Belastungen und dem Umgang mit diesen Belastungen bei FeG-Pastorinnen und -Pastoren sowie zum Selbstverständnis frei-evangelischer Pastorinnen berücksichtigt und zum anderen erfolgte eine Anlehnung an bereits durchgeführte Befragungen im Bereich des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden sowie im Bereich evangelischer Landeskirchen, damit entsprechende interkonfessionelle Vergleiche im Blick auf das Selbstverständnis der Pastorinnen und Pastoren möglich werden.
FORSCHUNGSSCHWERPUNKT: (FREI-EVANGELISCHE) KIRCHENTHEORIE
Abgeschlossenes Dissertationsprojekt: Freie evangelische Gemeinden. Eine kirchentheoretische Untersuchung im Zusammenhang mit einer empirischen Untersuchung
(Projektdauer: 2017–2022)
Bisher beschränken sich kirchentheoretische Analysen, bis auf sehr wenige Aus-nahmen, auf den Bereich der evangelischen Landeskirche. Mit meiner Dissertation beschreite ich erste Schritte einer frei-evangelischen Kirchentheorie und bringe die damit verbundenen Einsichten mit dem bisherigen kirchentheoretischen Diskurs ins Gespräch. Neben einer historisch-analytischen Herangehensweise stützt sich meine kirchentheoretische Untersuchung vor allem auf die Ergebnisse einer im Rahmen der Dissertation durchgeführten repräsentativen, quantitativen Mitgliederbefragung unter Gemeindemitgliedern Freier evangelischer Gemeinden. Indem diese Befragung in Teilen an die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland angelehnt ist, ergibt sich die Möglichkeit die beiden Kirchenformen auch empirisch zu vergleichen und so neben Ähnlichkeiten auch die Besonderheiten des frei-evangelischen Kirchenmodells herauszustellen. Auf diese Weise kann eine frei-evangelische Kirchentheorie sowohl kirchenintern zur Identitätsklärung einer dynamischen und wachsenden Kirche beitragen als auch darüber hinaus einen Beitrag zur Debatte um die gegenwärtige Situation und Zukunft von Religion und Kirche bieten.
Forschungsprojekt: Kirchentheorie – interkonfessionell, international, interkulturell
(Projektdauer: 2022–offen)
Noch Reiner Preul schreibt 1997 zu einer ökumenischen Perspektive bzw. einer Ausweitung der Kirchentheorie auch auf andere Konfessionen: „Im Rahmen des skizzierten Aufbaus der Kirchentheorie hätte er [ein zusätzlicher Paragraph zu anderen Konfessionen, MS] den Charakter eines eher störenden Exkurses gehabt.“ (Preul: Kirchentheorie, VI) Also andere Konfessionen stören in der Kirchentheorie und Preul beschränkt seine Kirchentheorie allein auf die evangelische Kirche in Deutschland. Inzwischen gibt es aber recht deutliche Anzeichen, dass solch enge Grenzen für die Kirchentheorie in einem postkonfessionellen Zeitalter kaum mehr haltbar sind und an viele Stellen anfänglich auch schon ausgeweitet werden (vgl. etwa Hauschildt/Pohl-Patalong: Kirche oder auch Grethlein: Kirchentheorie). In diesem Sinn war es bereits der Ansatz meiner eigenen kirchentheoretischen Studie (Schroth: Freie evangelische Gemeinden) eine Theorie zur eigenen Sozialform des christlichen Glaubens auch im Spiegel einer anderen Kirche zu entwickeln – in dem Fall der Evangelischen Kirche in Deutschland.
In Weiterführung dieses bisher sehr produktiven Ansatzes, der offensichtlich für eine kirchentheoretische Reflexion aus einem Minoritätssettings noch näher liegt, sind Grenzen und Reichweite praktisch-theologischer Kirchentheorie neu auszuloten. Dabei soll zum einen das Gespräch mit der stärker systematisch-theologisch verankerten Konfessionskunde gesucht und zum anderen eine Verständigung mit der Interkulturellen Theologie angestrebt und dabei vor allem Kirche und Gemeinde in der postmigrantischen Gesellschaft (Foroutan) reflektiert werden, da schon bei Hauschildt und Pohl-Patalong „globale Muster individuellen Glaubens“ und „faktisch gelebte Regionalität“ (Hauschildt/Pohl-Patalong: Kirche, 47) die Spannung ausmachen, in der sich Kirchentheorie befindet.
FORSCHUNGSSCHWERPUNKT: KYBERNETIK
Die Aufgabe der Leitung landet in den Befragungen von Pastorinnen und Pastoren regelmäßig auf dem letzten oder zumindest auf den hinteren Plätzen. Gleichzeitig liegen die Angaben zur tatsächlichen Zeit, die auf Leitungsaufgaben verwendet wird, bei 40% oder darüber. Das verbindet sich bei Pastorinnen und Pastoren dann mit dem klaren Wunsch, zukünftig weniger Zeit auf Leitungstätigkeiten verwenden zu müssen. Aus dieser Konstellation folgerte Herbert Lindner schon vor einiger Zeit et-was spitz: „Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass ein Bereich, der nicht gewollt und on gar nicht geliebt wird, auch nicht gekonnt wird.“ (Lindner: Kirche am Ort, S. 96)
Die gegenwärtige pastoraltheologische Diskurslage gibt an einigen Stellen nun Anlass zur Vermutung, dass entgegen jener pastoralen Wünsche die Leitungsaufgabe in Folge gesellschaftlicher, kirchlicher und gemeindlicher Transformationen eher noch zunehmen als abnehmen wird. Demgegenüber stellt Christoph Meyns allerdings fest: „Die Kybernetik als Teilbereich für Fragen des kirchlichen Leitungshandelns führt an den theologischen Fakultäten bis heute ein Schattendasein.“ (Meyns, Kirchentheorie, S. 199) An der Theologischen Hochschule Ewersbach (wie auch an anderen Hochschulen in freikirchlicher Trägerschaft) wird deshalb die Forschung zur Kybernetik im engeren Sinne wieder ausgebaut. Damit ist keineswegs gesagt, dass die Praktische Theologie ihre gewonnene Weite zur Wahrnehmung auch au-ßerkirchlicher und außergemeindlicher Zusammenhänge aufgeben sollte. Stattdessen steht damit der Vorschlag im Raum, Praktische Theologie wieder auch als Kybernetik im engeren Sinne zu begreifen, und das natürlich besonders dort, wo sie sich als Bestandteil der Ausbildung zum pastoralen Beruf für Leitung in der Gemeinde versteht.
Dabei wird hier die Frage nach der Leitung in Kirche und Gemeinde (Kybernetik im engeren Sinne) im Anschluss an Jan Hermelink unterschieden von einer Theorie der Kirche (Kybernetik im weiteren Sinne). Allerdings sind beide eng aufeinander zu beziehen und letztere ist als Voraussetzung ersterer zu verstehen: „Eine solche Theorie expliziter Kirchenleitung (Kybernetik im engeren Sinn) bildet demnach nicht … den Ausgangspunkt, sondern … den Zielpunkt einer umfassenden Reflexion der kirchlichen Gestalt (Kybernetik im weiteren Sinne).“ (Hermelink, Kirchliche Organisation, S. 28) Auf diesem Hintergrund ist hier nicht nur, aber auch nach den Spezifika frei-evangelischer bzw. freikirchlicher Leitungspraxis und -theorie zu fragen.
FORSCHUNGSSCHWERPUNKT: (FREI-EVANGELISCHE) SEELSORGETHEORIE
Forschungsprojekt: Gemeindeseelsorge als Weiterentwicklung der Alltagsseelsorge und konsequent kontextuelle Seelsorge
(Projektdauer: 2021–offen)
Die spezifische Sozialform Freier evangelischer Gemeinden (und anderer Freikirchen) mit ihrer Konzentration auf eine überschaubare Gemeinde-Gruppe, der hohen Wertschätzung von Kontakten im privaten, alltäglichen Raum sowie das außerordentlich hohe ehrenamtliche Engagement der Gemeindemitglieder werfen die Notwendigkeit einer Relecture und Weiterentwicklung der Alltagsseelsorge von Eberhardt Hauschildt auf.
Dabei ist zum einen (neu) zu fragen, wie sich diese Seelsorge im Rahmen einer in die Gruppe und in die alltägliche Privatheit verflüssigten Gemeinde aus Perspektive hauptamtlicher Seelsorgerinnen und Seelsorger als Gemeindeseelsorge verstehen, orientieren und unter Umständen auch methodisch verbessern lässt und zum anderen ist zu vertiefen, wie eine solche Gemeindeseelsorge nicht nur als Ergänzung, sondern ganz fundamental als „Kompetenz der Gemeinde“ (Christoph Morgenthaler) in ihrer ehrenamtlichen Dimension konzipiert und gefördert werden kann.
Für die Seelsorgetheorie insgesamt ist davon ausgehend zu fragen, inwiefern sie ihre spezifischen Praxiskontexte für die Theoriebildung berücksichtigt – sich also konsequent als Seelsorge im Kontext versteht –, diese dabei kybernetisch reflektiert und insofern in der Lage ist, Seelsorge als kirchliche Praxis in ihren organisatorischen Bedingungen und Wechselwirkungen wahrzunehmen, zu reflektieren und zu orientieren.
VERÖFFENTLICHUNGEN
VORTRÄGE