Theologisches Gespräch 01/2015

Theologisches Gespräch, Veröffentlichung

„Judenchristen“ zur Zeit des Paulus? „Messianische Juden“ heute in Deutschland? Diese Ausgabe des Theologischen Gesprächs bietet zwei Perspektiven zur Auseinandersetzung an. Der Neutestamentler Christoph Stenschke betrachtet Römer 9-11 unter besonderer Berücksichtigung der an Jesus von Nazareth als den Christus Gottes glaubenden Juden. Nach Stenschke besteht das Argumentationsziel dieser berühmten drei Kapitel des Römerbriefes darin, dass Gottes Gaben und Berufungen ihn nicht gereuen können (Röm 11,29). Diesem Ziel ordnet Paulus alle anderen Gedanken – auch die Frage nach den Judenchristen – unter.

 

Daraufhin betrachtet der Autor gerade die Personengruppe der „Judenchristen“ eingehend, um ihre „Funktion im Gedankengang von Röm 9-11“ nachzuzeichnen. Christoph Stenschke lehrt Neues Testament an der Biblisch-Theologischen Akademie Wiedenest und an der University of South Africa (Pretoria). Seinen Beitrag hat er auf Bitten des Herausgeberkreises eigens für das Theologische Gespräch verfasst.

Stefanie Pfister wurde 2008 an der Technischen Universität Dortmund zum Dr. phil. promoviert. Noch im selben Jahr erschien ihre Dissertation in der Reihe „Dortmunder Beiträge zur Theologie und Religionspädagogik“ (Münster) unter dem Titel „Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung“. Für 2015 ist eine zweite, aktualisierte Auflage vom Verlag angekündigt. Seit 2013 ist Frau Pfister für das Fach Religionspädagogik habilitiert. Für das Theologische Gespräch ist die Autorin der Bitte nachgekommen, einen Aufsatz zu ihrem Promotionsthema zu verfassen. Um ein beschreibbares Bild vom Gemeindeleben messianischer Juden in Deutschland zu bekommen, besuchte Pfister elf verschiedene Gemeinden und Gruppen und wertete 211 Fragebögen aus 16 Gemeinden aus. Darüber hinaus führte sie Interviews und analysierte zwölf Konversionserzählungen. Drei typische Fallgeschichten stellt Pfister hier nun vor und zeichnet ein anschauliches Bild über die Herkunft, die Besonderheit und Verschiedenheit messianisch-jüdischen Lebens in Deutschland. Neben der fachlichen Auseinandersetzung ist Frau Pfister auch persönlich im grenzüberschreitenden Dialog engagiert. So ist sie Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster e. V. und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises „Woche der Brüderlichkeit“ in Sendenhorst.

Gerne erinnere ich an dieser Stelle an das Beiheft 12 unserer Zeitschrift von Roland Fleischer zum Thema „Judenchristliche Mitglieder in Baptistengemeinden im Dritten Reich“, das nach wie vor kostenlos als Download auf www.theologisches-gespraech.de zur Verfügung steht und Biogramme von Baptisten jüdischer Herkunft mit ihrem Lebenslauf enthält. Mit dieser Art von Geschichtsaufarbeitung werden einzelne jüdische Menschen mit ihrem Namen dem Vergessen entrissen.

Mit den genannten Beiträgen werden Facetten angeboten, die zu einem viel größeren Mosaikbild gehören, das den christlich-jüdischen Dialog widerspiegelt.

Für die Predigtwerkstatt hat Heimke Hitzblech, Pastorin der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Wetter-Grundschöttel und ehemalige stellvertretende Schulleiterin, eine Predigt zur Verfügung gestellt, die anlässlich eines Vokationsgottesdienstes für zwei Religionslehrerinnen gehalten worden ist. Pastorin Damaris Krusemark, die in der Freien evangelischen Gemeinde Wolzhausen im November 2014 ordiniert worden ist, kommentiert die Predigt ihrer baptistischen Kollegin.

Erfreulicher Weise können wir in dieser Ausgabe auch schon länger vorliegende und ganz neue Rezensionen veröffentlichen.

Michael Rohde (Schriftleitung)

Rezension „Von Judenchristen und messianischen Juden“

Schwerpunkt bildet das Thema „Judenchristen“. Christoph Stenschke, Neutestamentler aus Wiedenest, bietet eine Exegese über Römer 9-11 an und Stefanie Pfister, Religionssoziologin aus Dortmund, eine statistische Erhebung über Judenchristen in der BRD. Es folgen eine Predigt von Pastorin Heimke Hitzblech aus Wetter über „Kinder in Gemeinde und Gottesdienst“ sowie einige Buch-Besprechungen.
Eine der wichtigsten Aussagen von C. Stenschke lautet: „die christliche Kirche (ist) der um die Heidenchristen erweiterte, durch Gottes Gnade erwählte Rest Israels, der die Verheißungen Gottes an ganz Israel verbürgt.“ So löst kein neuer Bund den alten Bund ab, wie unsere „Rechenschaft vom Glauben“ suggeriert, sondern es sind die Heidenchristen, die als wilde Zweige unter die natürlichen Zweige eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums mit teilhaftig geworden sind (Röm.11,17). Das hat Stenschke dankenswerterweise herausgearbeitet und das ist das Ende des heidenchristlichen Triumphalismus. Und was ist mit Israel, dem jüdischen Volk, sofern es sich dem Evangelium versagt? Sie sind „Israeliten“ (9,4) und bleiben auch in ihrem Nein zum Evangelium „Geliebte um der Väter willen“ (11,28). Dafür sind die Judenchristen das Unterpfand.
Pfister zeigt, dass die meisten Judenchristen in der BRD russisch-jüdische Immigranten sind. Man wünschte sich hier weitere ekklesiologische, heilsgeschichtliche und spirituelle Überlegungen. Denn es sind trotz Holocaust mehr Juden als vermutet, die sich für Jeschua HaMaschiach öffnen.
Ohne neues theologisches Denken und Reden vom jüdischen Volk dürfte die Kirche für Juden in jeder Hinsicht ohne Reiz sein. Es beginnt damit, dass Christen den jüdischen Teil der Gemeinde anerkennen und als solche schätzen lernen.

Frank Wecke, Bielefeld