Warum die Begegnung mit Gott ein Haus braucht – Bericht zum Vortragsabend am 20.10.2016

Veranstaltung

Von Lisanne Decker

Wenn die Gemeinde der Tempel des Heiligen Geistes ist – wozu braucht es dann noch ein Kirchengebäude?

Mit dieser provokativen Frage nahm der Referent Prof. Dr. Erne, Dozent an der Philipps-Universität Marburg und Direktor des Instituts für Kirchenbau, die etwa 70 Zuhörer des Abends  mit auf eine spannende und anschauliche Tour durch 2000 Jahre  Geschichte des Kirchenbaus.

Beginnend mit dem Tempel als Gotteshaus wurde daran erinnert, dass insbesondere die alttestamentliche Vorstellung von „Gotteshaus“ die Begriffe Gott und Haus sehr eng verwoben denkt. Gott wohnt demnach im Tempel und Begegnung mit ihm kann ausschließlich innerhalb diesem stattfinden. Die spätere Synagoge sieht bereits Gottes Anwesenheit vermehrt in der Anwesenheit der Gemeinde. Paulus macht an dieser Stelle einen harten Cut und beschreibt im 1. Korintherbrief die Gemeinde selbst als Tempel Gottes (Kap. 3,16). Daraus folgt, dass die urchristliche Gemeinde sich damals in Privathäusern traf und anscheinend zunächst keine speziellen Gebäude benötigten. Die frühen Begegnungsstätten zeichneten sich nur insofern als Gemeindehäuser aus, dass sie eine kleine Taufkapelle hatten. Das Selbstverständnis der ersten Christen als egalitäre Gemeinschaft kommt hier stark zum Ausdruck. Im Laufe der Geschichte bildete sich allerdings ein zunehmend sakrales Verständnis des Kirchengebäudes heraus, und ein hierarchisches Verständnis der unterschiedlichen Stände findet z.B. im Bau der Hagia Sophia einen Höhepunkt. Die Gemeinde „darf“ als Zuschauer den Klerus in seinen gottesdienstlichen Praktiken bestaunen. Luther wiederum macht mit diesen Vorstellungen Schluss und tritt neu für die paulinische Vorstellung von Gemeinde und Gottesdienst ein. Die Kirche ist Raum für die Begegnung mit Gott und für die Begegnung miteinander, und das für alle gleichermaßen. Der Zugang zu Alter und Abendmahl muss daher für alle erreichbar sein, und die Kanzel rückt mitten ins Kirchenschiff. Spätere Architekten des 20. Jahrhunderts, darunter insbesondere Otto Bartning, verwirklichten dann ihr Verständnis von dem Zusammenhang von Raum und Liturgie insofern, dass der Raum von der Liturgie gebaut wird und erzählt, was in ihr passiert. Gleichzeitig soll die Liturgie auch gestärkt aus der Architektur hervorgehen. Ein hoher Anspruch. Dieser nachsakrale Kirchenbau führte seinerseits, so Dr. Erne, jedoch oft dazu, dass Kirchen von außen gar nicht mehr als solche zu erkennen waren und vermehrt Multifunktionshallen ähnelten. Die Gottesdienstbesucher blieben aus, es fehlte der Charme, die Projekte scheiterten vielerorts.

Wie nun diese Spannung halten zwischen übermäßigem Prunk und Sakralisierung und Turnhallen-ähnlichen Gemeindehäusern, in denen sich die Menschen auch nicht heimisch fühlen? „Kirche muss sich in ihr selbst begegnen.“, so Prof. Dr. Erne. Daher mache es wenig Sinn, wenn ein Architekt ohne Mitwirken der Gemeinde deren Gemeindehaus gestalte. Die Fülle der Gegenwart Gottes darf sich in dem Raum der Begegnung mit ihm wiederspiegeln, die Gemeinschaft und Egalität der Gemeindemitglieder stets vor Augen, die Möglichkeit des „Hineinschnupperns“ bietend und doch einladend, einen Moment zu verweilen und Begegnung mit Gott zu erleben.

Wie genau das praktisch aussehen kann, wurde im Anschluss des Vortrags unter den Besuchern und auch mit Prof. Dr. Erne noch angeregt im Foyer bei Wein und Gebäck diskutiert. Aus Provokation folgte demnach Inspiration, und das ist ja bekanntlich der beste Lerneffekt, den man sich wünschen kann.